Bezug zu Taizé

Artikel über Taizé & Nacht der Lichter

Die spirituelle Mitte stärken. Ein Gespräch mit Frère Alois (PDF)

Wenn das Handy schweigt. Wie schafft es Taizé, stets jung zu bleiben? (PDF)

Burgund/Bourgogne

Taizé ist der Name eines kleinen Ortes in Frankreich, in der beschaulichen Region Burgund (frz. Bourgogne), deren Hauptstadt Dijon ist. Andere bekannte Orte sind Citeaux und besonders Cluny, nach dem die mittelalterliche Reform der benediktinischen Gemeinschaften benannt ist. Für Radwanderer ist der Landstrich ein Paradies. Die gesamte Landschaft lädt dazu ein, sich zu erholen, den Alltag zu unterbrechen, anzuhalten und still zu werden. Wer die lange Landstrasse vom Norden kommend nach Cluny fährt, kann Taizé leicht übersehen, liegt der Ort doch etwas zurückgelegen auf einem Hügel. Seitdem es dort die Communauté der Brüder und Schwestern von Taizé gibt, ist es mit der beschaulichen Ruhe vorbei. Die Lebensart und Impulse dieser Gemeinschaft strahlen soweit, dass Zehntausende von jungen Menschen diesen Ort jedes Jahr aufsuchen oder zu den verschiedenen Treffen in europäischen Grossstädten pilgern.

 

Aller Anfang ist schwer

Die Anfänge der Gemeinschaft gehen in die vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Es sind die Kriegsjahre und zugleich die Jahre des späteren Gründers Frère Roger Schutz, in denen er über seinen Lebensweg entscheiden musste.

In dieser Zeit war er mehrfach zu Besinnungstagen im Kartäuserkloster La Valsainte. Die Kartäuser sind eine Ordensgemeinschaft, die streng abgeschieden von der Welt, aber betend und bittend für die Welt leben. Roger Schutz war fasziniert von Gemeinschaft und Gebet, wollte aber nicht der Kartäuser-Gemeinschaft beitreten, sondern seine eigene, unabhängige Zurückgezogenheit leben. Die Wahl fiel auf das arme und halb zerstörte Dorf Taizé.

Nun musste er den Ackerbau erlernen und aufgrund der langen Winter, wie man mit wenig auskommt. Brennesselsuppe und gesiedete Schnecken waren alltägliche Nahrung. Wenige Zeit später musste die Nahrung für weitere Menschen reichen: Für Flüchtlinge, insbesondere Juden, wurde Taizé, das wenig südlich der Demarkationslinie lag, Durchgangsstation. Es war ein ständiges Kommen und Gehen und man lebte unter ständiger Androhung der Verhaftung und Todesstrafe. &endash; Bis heute ist in Taizé alles sehr schlicht und einfach gehalten. Mit Unterkünften und Mahlzeiten wird das geboten, was man zum Leben wirklich braucht. Nicht mehr, nicht weniger.

 

Frère Roger

Der Gründer der Communauté von Taizé ist ein Schweizer, Roger Schütz-Morsache. Er wurde am 12. Mai 1915 im Juradorf Provence geboren, wirkte als evangelischer Pfarrer in der West-Schweiz und später in Frankreich. Erstmals legten 1949 dem Oberen von Taizé sieben weitere Brüder die Gelübde der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams ab, Gelübde, die aus der katholischen Ordenstradition stammen.

Roger Schütz sagt über seinen Lebensinhalt: „Mein Leben besteht darin, herauszufinden, was die andern quält und was sie freut, ihre Leiden und Freuden zu teilen. Durch die Intuition kann man das Wesentliche des anderen begreifen, sein Wesen ohne viele Worte erfassen, seine Besorgnis orten.“

Für dieses Engagement wurde Roger Schutz in vielen Ländern geehrt, von vielen bis heute verehrt.

 

Die Attraktivität der Gemeinschaft

Die Gemeinschaft der Brüder von Taizé wuchs stetig. Aus verschiedensten Ländern und Kontinenten der Erde kamen junge Leute, um sich der Gemeinschaft anzuschliessen. Warum? Jede Gemeinschaft kennzeichnet eine gemeinsame Gesinnung. Der erste Beweggrund für das Leben in der Gemeinschaft von Taizé ist die Versöhnung unter den Christen und in der Menschheit. Wie wichtig Versöhnung wurde, wie es ein Ort der Jugend wurde, weist auf die Geschichte: Die Folgen des Krieges liessen die Frage aufkommen, was nun mit den Waisen passiert. Sie wurden mit Hilfe der wenigen Brüder zu Beginn in die Nähe von Taizé geholt und erhielten dort zunächst ein neues Zuhause. Diese Hilfe wurde schnell bekannt, dass viele auch dieses Vorhaben unterstützten, meist mit praktischer Hilfe, aber auch von der französischen Widerstandsbewegung, die später Regierungsaufgaben übernahm.

Die Communauté übernahm die Regeln des klassischen Ordenslebens: Die Armut wurde zu einem Mittel der Kreativität, die Ehelosigkeit dient der reinen Bindung an Gott, der Gehorsam weist auf die Anerkennung eines Priors und die Verantwortung der Menschen füreinander hin.

 

Ökumene

Nach Taizé pilgern hauptsächlich Jugendliche aus sämtlichen christlichen Kirchen, die es gibt. Kein klassisch katholischer, evangelischer oder orthodoxer Gottesdienst kann dort erwartet werden, sondern die Einflüsse aus allen grossen christlichen Strömungen sind sicht- und spürbar. Die Annäherung der verschiedenen christliche Traditionen erwies sich anfangs als beschwerlich, aber mit der Unterstützung des damaligen Ortsbischofs, dem späteren Papst Johannes XXIII., der das II. Vatikanische Konzil einberief, wurden der Gemeinschaft vertrauensvoll Privilegien eingeräumt. Von diesen Schwierigkeiten ist heute nichts mehr zu spüren. Es geht sehr ungezwungen zu und man fragt gar nicht in erster Linie im Gespräch nach der Konfession, sondern man lebt und betet gemeinsam, miteinander und füreinander. Allein der Bezug zu Jesus Christus bildet die Einheit der Menschen.

 

„Konzil der Jugend“

Die Jugend versammelt sich in Scharen dort. Sehr reizvoll ist der internationale Charakter des Camps. Hier sitzt eine Gruppe, die gerade ein paar Lieder singt, die andere macht sich auf zum Spaziergang, die andere spielt miteinander, einzelne Menschen ziehen sich ganz zurück ins Schweigen. Hinzukommt, dass jedem auch eine Aufgabe zukommt, mit der in eigener Verantwortung der Gemeinschaft dient. Von handwerklichen Aufgaben bis zur Unterstützung in den Gottesdiensten übernimmt jeder eine Aufgabe vorort. Das ergibt auch die Möglichkeit, sich einzubringen, Neues anzuregen oder vom Erlebten Anregungen in die eigene Heimatgemeinde mitzunehmen. Warum gibt es also noch die Trennung der Kirchen? Warum gibt es die Grenzen zwischen den Nationen? Warum, warum; wenn es scheinbar doch ganz unkompliziert und einfach gehen kann?! Taizé ist ein junges, anhaltendes Konzil des Friedens.

 

Ohrwürmer

Von Taizé sind bei uns hauptsächlich das Halleluja (Gehet nicht auf in den Sorgen), Ubi caritas, Laudate omnes gentes etc. bekannt. Charakteristisch ist die ständige Wiederholung der sehr einfach gehaltenen Verse. Jedem prägen sich die hauptsächlich Lob- und Dankverse wie ein Ohrwurm ein. Die warmen Farben in der Kirche, die vielen Kerzen tragen dazu bei, dass man sich schnell wohlfühlt. Dadurch entsteht gerade eine sehr meditative Stimmung. Sie eröffnen den Zugang zur Mitte der eigenen Existenz, lassen die eigenen wichtigsten Fragen in den Sinn kommen und darüber nachdenken. Und wer mit etwas unversöhnt lebt, aber Versöhnung sucht, findet dort in den Brüdern Ansprechpartner, die mit Rat und besten Kräften zur Seite stehen. Die einfachen Gesänge laden nicht weniger dazu ein, sich einfach auf den Boden der grossen Kirche zu legen, anderen zuzuhören oder mit zu singen und dabei die Seele baumeln zu lassen.

Die Gesänge von Taizé gehen auf den Arzt Robert Giscard zurück, der sie entwickelte.

 

Warum zur Nacht der Lichter?!

Der wohl tiefste Auftrag, den Frère Roger allen mitgibt, die nach Taizé kommen, lautet: Das Wesentliche des anderen begreifen. Wie das gehen und gelingen kann, wird in der Nacht der Lichter deutlich, spürbar, erfahrbar. Es macht einfach Spass, wenn man andere Jugendliche aus der gesamten Ostschweiz kennenlernt, sich mit ihnen „über Gott und die Welt“ unterhält. Hunderte von Jugendlichen kommen somit sehr gerne nach St. Gallen, um bei einem lebendigen Happening auch mit Kirchenratspräsident Dölf Weder und Bischof Markus Büchel im Sinne von Frieden, Einheit und Versöhnung zu reden, zu singen und zu beten. Natürlich kann man Taizé nicht kopieren, aber das Anliegen, der ursprüngliche Gedanke dieser Communauté, den kann jeder unterstützen und neben dem eigenen Erleben, Anregungen aus St. Gallen mitnehmen. André Böhning